
Ein tierärztlicher Notfall ist eine Situation, in der dein Hund ohne schnelle Hilfe schwere gesundheitliche Schäden davontragen oder sogar sterben kann. Eigentlich ganz einfach – und trotzdem scheint der Begriff „Notfall“ manchmal erstaunlich großzügig ausgelegt zu werden. Der Notdienst ist nämlich nicht dafür da, Beschwerden behandeln zu lassen, die bereits seit Mittwoch bestehen, aber am Sonntag plötzlich unangenehm in den eigenen Tagesablauf passen.
Atemnot, blasse oder bläuliche Schleimhäute, Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle, Lähmungserscheinungen, starke Blutungen, schwere Verletzungen, Unfälle, Vergiftungsverdacht, starke Schmerzen oder ein plötzlich aufgeblähter und harter Bauch sind echte Notfälle. Auch wenn dein Hund immer wieder erfolglos würgt, einen Fremdkörper verschluckt hat, überhitzt ist oder sein Allgemeinzustand rapide schlechter wird, gehört er sofort tierärztlich vorgestellt. Wiederkehrendes oder anhaltendes Erbrechen sollte ebenfalls nicht einfach über Stunden oder sogar Tage beobachtet werden – besonders dann nicht, wenn dein Hund zusätzlich schlapp wirkt, nichts bei sich behalten kann, Schmerzen zeigt, Blut erbricht oder es sich um einen Welpen, einen alten oder vorerkrankten Hund handelt. Auch heftiger oder anhaltender Durchfall kann schnell gefährlich werden.
Kein Notfall sind eine fällige Impfung, zu lange Krallen, ein seit drei Wochen bestehender Juckreiz oder eine Lahmheit, die man erst einmal mehrere Tage beobachtet hat und die nun ausgerechnet Samstagabend dringend behandelt werden soll. Und nein, nur weil du jetzt gerade Zeit hast, wird daraus noch lange kein medizinischer Notfall.
Was mich allerdings immer wieder erstaunt, ist die anschließende Empörung über die Rechnung. Ja, ein Besuch im Notdienst ist teuer. Dort sitzt aber nicht zufällig jemand nachts, am Wochenende oder an Feiertagen herum und wartet darauf, für möglichst wenig Geld deinen Hund zu behandeln. Tierärzte und ihre Mitarbeitenden verzichten auf Schlaf, Freizeit und Zeit mit ihren Familien, damit dein Tier im Ernstfall versorgt werden kann. Dazu kommen die vorgeschriebene Notdienstgebühr und die höheren Abrechnungssätze.
Aber auch außerhalb des Notdienstes wird sich gerne über „viel zu hohe Tierarztkosten“ beschwert. Dabei wird offenbar angenommen, die Tierärztin stecke den kompletten Rechnungsbetrag einfach lächelnd in die eigene Tasche. An einer Praxis hängen allerdings Miete, Strom, Personal, Medikamente, Laboruntersuchungen, Versicherungen, Steuern, Fortbildungen, Hygiene, Verbrauchsmaterialien und medizinische Geräte, deren Preise vermutlich so manchen kurz nach Luft schnappen lassen würden. Ein Röntgengerät, Ultraschall, Narkoseüberwachung oder ein eigenes Labor erscheinen schließlich nicht nachts auf magische Weise und arbeiten kostenlos.
Wir erwarten moderne Diagnostik, schnelle Ergebnisse, gut ausgebildetes Personal, jederzeit verfügbare Medikamente und natürlich jemanden, der im Ernstfall sofort hilft. Bezahlen möchten wir dafür allerdings möglichst den Preis einer Tüte Hundefutter. Das passt leider nicht zusammen. Gute medizinische Versorgung kostet Geld – beim Menschen übrigens auch, nur sehen wir dort die Rechnung meistens nicht direkt.
Ich persönlich bin unseren Tierärztinnen, Tierärzten und ihren Teams sehr dankbar. Dankbar dafür, dass sie da sind, wenn wir sie brauchen. Dass sie nachts aufstehen, Wochenenden opfern, schwierige Entscheidungen treffen und täglich eine enorme Verantwortung tragen. Sie begleiten unsere Hunde, lindern Schmerzen, retten Leben und müssen gleichzeitig mit Sorgen, Erwartungen und leider auch immer wieder mit Vorwürfen umgehen. Diese Arbeit verdient nicht nur eine angemessene Bezahlung, sondern auch deutlich mehr Respekt und Wertschätzung.
Wenn du unsicher bist, ruf beim tierärztlichen Notdienst an, schildere ehrlich, was passiert ist, seit wann die Beschwerden bestehen und wie es deinem Hund aktuell geht. Kündige dich vor der Fahrt an und gib deinem Hund bitte nicht auf eigene Faust Medikamente aus deiner Hausapotheke. Auch Erbrechen sollte bei einem Vergiftungsverdacht niemals einfach selbst ausgelöst werden.
Bei einem echten Notfall bitte nicht lange googeln, nicht erst in fünf Facebookgruppen nachfragen und auch nicht bis zum nächsten Morgen warten. Anrufen, losfahren und den Hund behandeln lassen. Und anschließend vielleicht nicht zuerst über die Rechnung schimpfen, sondern kurz daran denken, dass dort gerade Menschen alles dafür getan haben, deinem Hund zu helfen. Ich für meinen Teil bin froh und dankbar, dass es sie gibt.
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