„Der weiß doch, dass er kommen muss!“ – Nein. Weiß er nicht.

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Es ist fast schon eine tägliche Szene. Irgendwo auf dem Feld, im Wald oder im Park steht ein Hundehalter und ruft. Erst freundlich, dann etwas lauter und irgendwann klingt der Name des Hundes eher nach einer Drohung als nach einem Rückruf. Der Hund? Der hat gerade Wichtigeres zu tun. Ein anderer Hund, ein spannender Geruch, ein Kaninchen, ein Mauseloch oder sonst irgendetwas, das aus Hundesicht deutlich interessanter ist als der Mensch am anderen Ende der Wiese. Verrückt, ich weiß. Ein Hund verhält sich tatsächlich wie ein Hund.

Irgendwann kommt er dann doch. Gemütlich. Über drei Umwege. Vielleicht erst, nachdem er sich noch genüsslich im Schlamm oder auf dem frisch gedüngten Feld gewälzt hat. Und genau dann passiert das, was ich leider viel zu oft sehe. Es wird geschimpft, am Halsband gepackt oder der Hund bekommt erst einmal erklärt, was für ein Vollpfosten er doch gerade war. Herzlichen Glückwunsch. Du hast gerade genau das Verhalten bestraft, das du eigentlich häufiger sehen möchtest.

Ich höre dann oft: „Der weiß doch ganz genau, dass er kommen muss.“ Nein. Tut er nicht. Ein Rückruf ist kein angeborenes Verhalten. Kein Hund wird geboren und denkt sich: Wenn mein Mensch irgendwann “Hier” ruft, lasse ich selbstverständlich alles stehen und liegen und renne freudestrahlend zurück. Das muss aufgebaut, trainiert und unter Ablenkung geübt werden. Und zwar nicht einmal, sondern hunderte Male. Komischerweise versteht das jeder bei Sitz, Platz oder Bleib. Da erwartet auch niemand, dass der Hund es nach zwei Wiederholungen perfekt kann. Beim Rückruf scheint dieses Wissen allerdings regelmäßig verloren zu gehen.

Stattdessen wird der Hund einfach abgeleint und dann hofft man, dass er schon irgendwie hört. Tut er das nicht, ist selbstverständlich der Hund schuld. Natürlich. Der Hund hätte schließlich wissen müssen, dass dein Wunsch gerade wichtiger ist als seine Gene, seine Motivation und alles, was die Umwelt ihm gerade bietet. Klingt logisch… zumindest wenn man die letzten paar tausend Jahre Hundeverhalten einfach ignoriert.

Die Wahrheit ist ziemlich unbequem. Wenn du deinen Hund ableinst, obwohl du genau weißt, dass dein Rückruf nicht zuverlässig funktioniert, dann hast nicht dein Hund die falsche Entscheidung getroffen – sondern du. Dein Hund macht das, was Hunde eben tun. Er erkundet seine Umwelt, schnüffelt, jagt Gerüchen hinterher und interessiert sich für alles Mögliche. Dass er stattdessen sofort zu dir kommen soll, musst du ihm erst einmal beibringen. Und nein, Anschreien zählt nicht als Trainingsmethode.

Das Beste kommt aber erst noch. Der Hund kommt nach fünf Minuten tatsächlich zurück und bekommt dafür einen Einlauf. Beim nächsten Mal bleibt er lieber noch zwei Minuten länger weg. Kann man ihm das verdenken? Warum sollte er möglichst schnell zu dir kommen, wenn ihn dort sowieso nur schlechte Laune erwartet? Menschen schaffen es tatsächlich immer wieder, den Rückruf selbst kaputt zu machen und wundern sich anschließend, warum der Hund plötzlich “stur” geworden ist. Nein, er ist nicht stur. Er hat nur gelernt, dass Zurückkommen eine ziemlich schlechte Idee sein kann.

Freilauf ist etwas Großartiges. Aber Freilauf ist keine Selbstverständlichkeit und schon gar kein Grundrecht. Er muss verdient werden – durch Training. Solange dein Hund nicht zuverlässig zurückkommt, gibt es Schleppleinen, eingezäunte Flächen und Management. Das ist übrigens keine Niederlage. Es ist Verantwortung. Verantwortung bedeutet nämlich, den Hund nicht in Situationen zu bringen, die er noch gar nicht bewältigen kann.

Und falls du jetzt denkst: „Meiner kommt eigentlich immer… außer wenn Wild auftaucht, andere Hunde da sind, Jogger vorbeilaufen oder er gerade etwas Spannendes gefunden hat.“ Dann kommt dein Hund eben nicht zuverlässig. So einfach ist das. Genau dort beginnt Training und genau dort hört die Ausrede auf.

Deshalb hör auf, deinen Hund für etwas zu bestrafen, das du ihm nie vernünftig beigebracht hast. Nicht dein Hund macht den Rückruf kaputt. Meistens steht das Problem am anderen Ende der Leine.

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